VR-HYPNOSE

Innere Entspannungswelten entdecken

Wir leben in einer (an)spannenden Zeit. Einer Zeit in der privates und berufliches Leben sich Zunehmens beschleunigen. Einer Zeit, in der wir durch technische Erfindungen und Digitalisierung „Zeit“ gewinnen, die wir jedoch nicht zur Entspannung nutzen, sondern um noch mehr Aktivitäten in unsere Tage, Stunden und Minuten hineinzupacken.

Viele Menschen leiden unter diesem (Zeit)Druck – unabhängig davon ob selbst auferlegt oder durch Vorgaben und Erwartungen anderer. Sie handeln schneller, machen mehrere Dinge gleichzeitig, laufen ständig der Zeit hinterher und fühlen sich dauerhaft gestresst. Dabei ist Stress per se nicht schädlich, sondern ein durchaus sinnvolles Notfallprogramm um Gefahren zu bewältigen. Eine brenzlige Situation im Alltag, die uns kurzfristig stark stresst, ist für unseren Körper kein Problem – wenn danach eine Erholungsphase folgt. Wird Stress aber zum Dauerzustand, also chronisch, und bleibt die Entspannung aus, verwandelt er sich in ein echtes Risiko für Körper und Psyche. Dennoch setzen viele in Zeiten von Dauerstress und Überlastung auf die Strategie „Augen zu und durch“ oder geißeln sich – wider besseren Wissens – mit verinnerlichten Durchhalteparolen bis zur totalen Erschöpfung.

Warum verhalten sich rational denkende Menschen so, obwohl sie eigentlich etwas ganz anderes wollen? Und warum fällt der Ausstieg aus unliebsamen Verhaltensmustern so schwer?

Zu wissen, dass man etwas ändern muss, ist eine Sache. Es tatsächlich zu tun, eine andere. Das hat damit zu tun, dass wir Menschen uns nicht (nur) rational verhalten (können). Das Fenster unseres Bewusstseins gewährt uns lediglich Einblick in ein bescheidenes Stübchen unseres Geistes. Was sich in den restlichen Gemächern abspielt – wie unbefriedigte Bedürfnisse (z.B. nach Wertschätzung, nach Anerkennung) oder einschränkende Glaubenssätze (z.B. Wenn du das nicht aushältst bis du ein Versager, eine schlechte Mutter, ein mieser Freund, usw.) unsere Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesse „verzerren“ – bleibt uns verwehrt. Zudem ist bei den rationalen Problemlöseversuchen unsere Aufmerksamkeit paradoxerweise geradezu auf das (Problem-)Erleben fixiert, das wir am wenigsten haben und spüren möchten. Provokativ formuliert kann denken helfen, muss aber nichts nützen.

Wie kann also der Ausstieg aus dem Hamsterrad gelingen? Eine Möglichkeit um aus unliebsamen (Denk-, Gefühls- und Verhaltens-) Mustern auszusteigen und wirksame Veränderungen herbeizuführen bietet die klinische Hypnose. Die klinische Hypnose ist ein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren, das sich zur Verbesserung einer Vielzahl von psychosomatischen Beschwerden bewährt hat, von stressbedingten Symptomen, Angst- oder Schlafstörungen über chronische Schmerzen bis hin zum Ausstieg aus Suchterkrankungen (Revenstorf, 2008). Entgegen der geläufigen (Fehl)Meinung und der irreführenden Etymologie des Hypnosebegriffs (griech. Hypnos = Schlaf), kann der durch die Hypnose hervorgerufene Zustand, die sogenannte „Trance“, weder mit einem Schlafzustand noch mit einer Narkose verglichen werden. Vielmehr wird bei der hypnotischen Trance die Aufmerksamkeit vom Alltagsgeschehen (z.B. Stress, Ärgernisse) oder Symptom (z.B. Angst, Schmerz) weg nach innen gerichtet. Das Grundschema der hypnotherapeutischen Veränderung ist einfach.

Es geht darum, in veränderter Bewusstseinslage oder Trance durch suggestiv wirkende Anregungen seitens des Therapeuten zu neuen und beeindruckenden Erlebensweisen und Erfahrungen zu gelangen.

Die Trance ist ein ganz natürlicher Zustand, der jeder Mensch kennt und erlebt. Im Alltag kommen wir am ehesten in Trance, wenn wir Dinge ganz automatisch tun, wenn unser Gehirn sozusagen auf „Autopilot“ geschaltet ist. Trance kann sowohl ein Zustand von Entspannung sein (z.B. bei der Hypnose) als auch ein Zustand erhöhter Aufmerksamkeit (z.B. beim Autofahren, Sport). In Trance können wir also sehr aktiv sein, blitzschnell reagieren und ebenso auch sehr passiv und in unserer aktiven Beweglichkeit eingeschränkt handeln. Was sich hierbei immer ändert ist der Bewusstseinszustand und der Wellenbereich im Gehirn.

In diesem veränderten Bewusstseinszustand ist die Kritikfähigkeit des Wachbewusstseins herabgesetzt: Typischerweise verwischen die Grenzen zwischen der verstandesmäßigen Wirklichkeit und der imaginativen Phantasiewelt, wodurch es beispielsweise möglich wird, den eigenen Körper anders wahrzunehmen als im Wachbewusstsein. So kann der Angstpatient im hypnotischen Zustand Sicherheit und Ruhe erfahren, der Schmerzpatient beschwerdefrei am Meeresufer weilen, der gestresste Patient Erleichterung und Befreiung erleben. In der hypnotischen Trance verändern sich zahlreiche Körperfunktionen: Atemfrequenz, Blutdruck, Puls, das Erregungsniveau verringert sich, Entspannung breitet sich aus. So erleben Patienten beispielsweise im Trancezustand Farben bunter und kräftiger. Es handelt sich aber nicht nur um die visuelle Erfahrung, sondern alle Sinne werden angesprochen. Wenn sie sich eine Strandszene vorstellen, können Sie unter Trance erleben, wie das Meersalz schmeckt, das sich auf ihrer Haut befindet, wie bei jedem Schritt der feinkörnige Sand Ihre Fußsohlen massiert, oder wie die exotische Pflanzenwelt um sie herum leuchtet. In der Trance kann man sich imaginär auf Reisen begeben (z.B. in die Vergangenheit, Zukunft) oder in eine Phantasiewelt eintauchen und dort alternative Erfahrungen machen, die helfen aktuelle Probleme oder Symptome zu bewältigen. Das Gehirn speichert das positive Erleben während der Trance als Engramm (Gedächtnisspur) ab „als ob“ es tatsächlich passiert wäre. Damit ist der Samen der Veränderung gesät. Der individuelle Bezugsrahmen wird dadurch erweitert, Lernprozesse vollziehen sich effektiver, die volle Kraft der eigenen Ressourcen kann sich freier entfalten. Unabhängig davon, an welchem Punkt der Überbelastung ein Mensch steht: Die Hypnose-Anwendung kann in vielen Fällen außergewöhnlich schnell wirksame und anhaltende Symptomlinderungen bieten.

Auch das Erlernen von Selbsthypnose kann ein wirksamer Weg sein, um sein Denken zu verändern, schlechte Gewohnheiten abzulegen und seine eigenen Ressourcen zu stärken.

Streng genommen ist nämlich jede Hypnose eine Selbsthypnose.

Der Hypnosetherapeut kann lediglich dabei helfen, Menschen in Trance zu geleiten, aber das hypnotische Erleben ist immer eine sehr persönliche, selbstbestimmte und ganz eigene Erfahrung. Konträr zu dem, was als Show-Hypnose auf der Bühne vorgeführt wird – z.B. sich blöd benehmen oder etwas tun, das man später bereuen könnte („Svengali-Effekt“) – ist es schlichtweg nicht möglich, die Willenskraft einer Person durch Hypnose zu brechen. Auch wenn das in Sensationsshows so dargestellt wird. Vielmehr behält der Patient während der gesamten Hypnosesitzung die geistige Kontrolle, er arbeitet aktiv mit und folgt nur den Suggestionen, die in seinem Interesse liegen. Die Voraussetzung, damit die – durch den Hypnosetherapeuten angeleitete – Hypnose funktioniert, ist die Bereitschaft zur Veränderung und ein Vertrauensverhältnis zum Therapeuten. Wer Angst vor der Therapeuten-basierten Hypnosetherapie hat, geringe Hypnotisierbarkeit oder keine bildliche Vorstellungskraft besitzt („Afantasie“), bei dem wird diese Vorgehensweise weniger zielführend sein. Die gute Nachricht: Es geht auch anders.

Möglicherweise kann ein technikgestützter Zugang über virtuelle Realität (VR-Hypnose) eine gute Alternative bieten.

Die VR-Hypnose folgt, mit Erkenntnissen aus der Neurowissenschaft kombiniert, den gleichen Schritten wie die Hypnose durch Interaktion mit dem Therapeuten. Über spezielle VR-Headsets werden dreidimensionale Bilder und Klänge erzeugt um eine realistisch wirkende Umgebung zu erschaffen. Angefangen von der Schaffung eines sicheren Ortes für vertrauliche Gespräche über den Ausflug zum Strand bis hin zum ruhigen und gelassenen Erleben angst-be­haf­teter Situationen, können Personen so in jedes beliebige Szenario hineinversetzt werden. Mit dem Einstieg in die dreidimensionale, immersive, virtuelle Welt wird dabei die Wahrnehmung der realen Welt vorübergehend blockiert – und die so induzierte Trance erweitert den Raum für neue alternative Erlebens- und Erfahrungsweisen. Die VR-Hypnose ist noch neu und wenig erforscht. Erste Untersuchungen zur Anwendung im Kontext der Schmerzbehandlung liefern jedoch sehr vielversprechende Ergebnisse (Patterson u.a. 2010).

Inwiefern VR-gestützte Hypnose und Therapeuten-basierte Hypnose im Kontext der Stressbewältigung unterschiedlich wirken, ist Gegenstand der Pilotstudie VR-HYPNO, die im Juli in der RBS – Cellule de Recherche in Zusammenarbeit mit realab durchgeführt wird.

Projektleitung und Durchführung: Dr. Martine Hoffmann und realab.lu